Messung von Geschlechterunterschieden
Sollen Geschlechterunterschiede gemessen werden, so ist erste Voraussetzung hierzu, dass die Indikatoren jeweils in einer Ausprägung für Frauen und für Männer darstellbar sein müssen. Diese Ausprägungen werden dann verglichen, um die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kenntlich zu machen.
Diese Bedingung schließt damit solche Indikatoren aus der Indexbildung aus, die zwar im Zusammenhang mit der Chancengleichheit diskutiert werden, aber nicht eindeutig in einer Ausprägung für Frauen und für Männer reproduzierbar sind. Ein Beispiel ist z.B. die Ausstattung der Region mit Plätzen in Kindertageseinrichtungen. Wenn Mütter und Väter sich am Erwerbsleben beteiligen wollen, dann sind außerhäusliche Kinderbetreuungsangebote notwendig. Diese Angebote sind ohne Zweifel unabdingbar zur Durchsetzung von Chancengleichheit, ob die infrastrukturellen Angebote jedoch hinreichend sind zur Realisation der Gleichstellung, wird letztlich am Output also an der Erwerbsquote bzw. an der Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern gemessen. >>mehr
Die Geschlechterunterschiede werden auch möglichst neutral gemessen, d.h. hier wird nicht die eine Gruppe als Norm betrachtet und die andere Gruppe an dieser relativiert. Vielmehr werden die Geschlechter in ihrer relativen Differenz zueinander dargestellt. Für diese Bewertung wird die im schwedischen Jäm-Index verwendete Formel übernommen:
GI = 100 * (Indikator F - Indikator M) / (Indikator F + Indikator M).
Im Zähler steht die Differenz der Indikatorausprägung der Frauen und der Männer. Der Zähler drückt damit die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus. Diese Differenz wird relativiert an der Summe aus Indikatorausprägung Frauen und Männer. Somit ergibt sich die Geschlechterdifferenz als prozentuale Abweichung vom Wert, den Frauen und Männer theoretisch zusammen einnehmen. Die relative Differenz kann zwischen -100% (absolute Benachteiligung der Frauen) und +100% (absolute Benachteiligung der Männer) schwanken. Wenn die Indikatorausprägungen von Frauen und Männer gleich sind, ergibt sich eine relative Differenz von 0%, was absoluter Chancengleichheit entspricht.
Zusammenfassung zum Index
Auch was die Zusammenfassung der 19 einzelnen Geschlechterunterschiede betrifft wurde ein möglichst einfaches und damit leicht verständliches Verfahren gewählt: Die Richtung der Ausprägung, also ob zu Ungunsten der Frauen oder zu Ungunsten der Männer, wird bei der Zusammenfassung ignoriert und über alle 19 Indikatoren das einfache arithmetische Mittel der relativen Geschlechterdifferenzen ermittelt.
Die Richtung wird negiert, weil erstens Gender Mainstreaming die Chancengleichheit von Frauen und Männern im Blick hat. Gemessen wird, ob Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen und wenn ja, wie hoch diese in etwa zu werten sind. Bestehende Geschlechterunterschiede entsprechen nicht dem Postulat der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, unabhängig davon ob sie mehr die Frauen oder die Männer benachteiligen. Zweitens wird so vermieden, dass eine Benachteiligung von Frauen im einen Teilaspekt durch eine Benachteiligung von Männern in einem anderen Teilaspekt als im Mittel Chancengleichheit bewertet wird (Substitutionsgefahr). Für politische Maßnahmen und als Handlungsorientierung ist es dagegen nützlich zu wissen, wer benachteiligt ist, Frauen oder Männer. Die Richtung wird in den Profilen daher deutlich gemacht. Zusammengefasst bedeutet das: der Gender-Index insgesamt ist richtungsblind, die Profile sind richtungweisend.
Im einfachen arithmetischen Mittel besteht noch die Gefahr der Kompensation zwischen den Indikatoren. Viele Einzelindikatoren mit mittlerer relativer Differenz ergeben ungefähr den gleichen Gender-Indexwert wie wenige Einzelindikatoren mit deutlichen Geschlechterunterschieden bei zugleich weiteren Indikatoren ohne nennenswerte Geschlechterunterschiede. Die Gefahr der Kompensation steigt mit der Zahl der Indikatoren. Auch aus diesem Grunde ist erstens die Zahl der Indikatoren beschränkt und zweitens das regionale Genderprofil zur Deutung wiederum so wichtig.
Alle 19 Indikatoren gehen mit gleichem Gewicht in den Gender-Index ein. Eine interne Gewichtung kommt dann zustande, wenn die Indikatoren stark miteinander korreliert sind. Dies ist mit starker Korrelation (über +/- 0.8) nur der Fall für die Indikatorenpaare Arbeitslosenquote und Langzeitarbeitslosigkeit sowie Erwerbsquote und Rentenzahlungen. Eine mittelstarke Korrelation (über +/- 0.6) weisen die Indikatorenpaare Hochqualifizierte und Erwerbsquote, Erwerbsquote und Förderung der Eingliederungsmaßnahmen sowie Rentenzahlungen und Förderung der Eingliederungsmaßnahmen. Streng genommen müssten hier also Gewichte gesetzt werden oder aber Indikatoren hoher Korrelation (z.B. Erwerbsquote und Langzeitarbeitslosigkeit) herausgenommen werden. Da mit dem Gender-Index aber politische Botschaften verbunden sind, wurde an dieser Stelle von weiteren mathematischen Eingriffen, die teilweise weniger eingängig sind, abgesehen.
Die Empfehlungen der OECD bezüglich komplexer Indizes wurden berücksichtigt. Entsprechende Erläuterungen sind dem ausführlichen PDF-Dokument zu entnehmen. >>mehr